Zehn Jahre Fast-Track City Berlin:
Community, Forschung und Praxis im Dialog
Zehn Jahre nach der Unterzeichnung der Pariser Erklärung für Fast-Track Cities lud das Fast-Track City Netzwerk Berlin ins Si-M Gebäude auf dem Virchow-Campus der Charité ein. Der 6. Fast-Track City Summit Berlin stand unter dem Motto „Forschung, Praxis und Community im Dialog" und brachte an zwei Tagen Wissenschaftler*innen, Versorgungspraktiker*innen, Community-Vertreter*innen sowie nationale und auch internationale Gäste zusammen.
Inhaltlich zeigte sich über alle Themenblöcke hinweg ein gemeinsamer Befund:
Diagnostik und Therapie sind weit entwickelt, die größten Lücken liegen beim Zugang zur Versorgung.
Der Fachtag im Theatron des Si-M Gebäudes der Charité Berlin Mitte, mit Astrid Leicht (Fixpunkt e.V.) als Vortragende.
10
Jahre Fast-Track City Berlin
2
Tage Summit
16
Vortragende
120+
Teilnehmende
Tag 1: Eröffnung und Keynote: Chancen, Barrieren und neue Wege
Der Fachtag wurde mit der Begrüßung durch Netzwerkmitglied Till Hallermann vom Zentrum für sexuelle Gesundheit und Familienplanung eröffnet. Dabei erinnerte er daran, dass Berlin mit der Unterzeichnung der Pariser Erklärung 2016 eine politische Verpflichtung eingegangen ist und warnte davor, in Zeiten knapper Haushalte bei der Prävention zu sparen.
Im Anschluß betonte die Staatssekretärin für Gesundheit und Pflege Ellen Haußdörfer im Zuge ihres Grußworts die Bedeutung des über die zehn Jahre Zusammenarbeit gewachsenen Vertrauens und bezeichnete dieses als wichtigste Grundlage der Berliner Strukturen. Gleichzeitig machte sie darauf aufmerksam, dass immer noch rund 1.000 Menschen in Berlin nichts von ihrer HIV-Infektion wissen und das entsprechende 95er-Ziel demnach noch nicht erreicht sei. Für den weiteren Weg sicherte sie der Initiative ihre Unterstützung zu und schloss mit einem inspirierenden Satz für den bevorstehenden Summit:
Die anschließende Keynote hielt die Medizinethnologin Laila Prager (Deutsche Aidshilfe) unter dem Titel „Die Community als Forschungspartnerin: Chancen, Barrieren und neue Wege“. Ihre zentrale These: Partizipation funktioniere dort, wo Forschende bereit sind, Entscheidungsmacht abzugeben – bei der Wahl der Forschungsfrage, der Auswertung und der Veröffentlichung und im besten Fall mit dem Resultat einer konkreten Veränderung in der Versorgung. Community-Mitglieder müssten dabei als Expert*innen anerkannt und entsprechend vergütet werden. Damit war der Auftakt gesetzt für einen spannenden Fachtag mit drei Themenblöcken unter der Moderation von Armin Schafberger (ehem. Medizinreferent der Deutschen Aidshilfe, Block I und III) sowie Sabine Weinmann (Frauen aktHIV, Berliner Aids-Hilfe, Block II).
Block I: Die Zukunft der HIV-Behandlung
Block I stieg thematisch direkt mit der Zukunft der HIV-Behandlung ein: Christian Gaebler (Charité) stellte breit neutralisierende Antikörper (bNAbs) und ihre mögliche Rolle auf dem Weg zu einer HIV-Cure vor. Christian Gaebler berichtete, dass in klinischen Studien die Viruslast bei ca. 10–20 % der Teilnehmenden nach Infusion der bNAbs ohne antiretrovirale Tablettentherapie langfristig kontrolliert blieb. Die Frage sei nun, wie mit solchen Immuntherapien die Rate an Menschen, die ihre HIV-Replikation kontrollieren, unter bNAbs erhöht werden kann.
Anschließend stellte Vitalii Andres (Epimed) den Wirkmechanismus der langwirksamen injizierbaren Therapie mit dem Capsidinhibitor Lenacapavir dar und wies auf die aktuelle Studie mit einer Kombination mit bNAbs mit Lenacapavir hin. Die randomisierte, verblindete Studie prüft eine halbjährliche Gabe von Lenacapavir mit zwei bNAbs (Teropavimab und Zimlirvimab) gegen eine tablettenbasierte HIV-Standardtherapie. Sie wird in zwei Berliner Studienzentren (EPIMED und Zentrum für Infektiologie) durchgeführt.
Frank Tacke und Jonathan Brozat (Charité) stellten die Studie REACH-C vor. Ausgehend davon, dass viele Menschen mit injizierendem Drogenkonsum eine virämische HCV-Infektion aufweisen, allerdings aufgrund ihrer spezifischen Situation häufig keinen Zugang zur Regelversorgung haben, möchte die REACH-C-Studie zwei Versorgungsarme miteinander vergleichen: die Versorgung in hepatologischen Kliniken/Praxen versus eine Hepatitis-C-Behandlung direkt in Drogenhilfeeinrichtungen. Unabhängig vom Versicherungsstatus können Menschen behandelt werden. Dabei sei angesichts der bekannten Wirksamkeit der Therapie die Ausgangsfrage für Studien über Hepatitis C nicht: „Wirkt die Therapie? […] sondern: Wie erreichen wir Hepatitis-C-positive Menschen mit injizierendem Drogenkonsum, unabhängig von ihrem Versicherungsstatus?“.
Danach rückten weitere klinische Studien in den Fokus: Pascal Migaud (St. Joseph Kliniken) sprach über Begleiterkrankungen bei älter werdenden Menschen mit HIV auch unter funktionierender HIV-Therapie. Er berichtete, dass in den großen Lymphomstudien bisher Menschen, die mit HIV leben (PLWH) ausgeschlossen wurden und damit die HIV-spezifischen Bedingungen bisher eher unzureichend untersucht wurden. Eine europäische Kohorte mit über 400 PLWH aus zwölf Ländern soll diese Lücke schließen. Zusätzlich wies er auf Untersuchungen im St. Joseph Krankenhaus zu HHV-8 assoziierten Hyperinflammationssyndromen hin, die im Rahmen von HIV-assoziierten Lymphomen ebenfalls eine besondere Rolle spielen.
Abschließend berichtete Gyde Steffen aus der DRUCK-Surv-Studie des RKI: Das Netzwerk vergrößerte sich in den letzten Jahren über ganz Deutschland, beginnend mit acht Städten bei DRUCK-Studie (2011-2014) und 29 Städten in der DRUCK-Surv-Studie (2025). Um in diesem Feld valide Daten erheben zu können, brauchte es das Vertrauen und das Engagement der einzelnen Einrichtungen und Klient*innen. Dadurch konnte gezeigt werden, dass trotz bestehender Behandlungsoptionen viele Menschen mit injizierendem Drogengebrauch weiterhin ohne Therapieangebot blieben, insbesondere wenn sie in Haft oder obdachlos waren. Gleichzeitig berichteten 44% der Studienteilnehmenden, Arztbesuche aus Angst vor schlechter Behandlung vermieden zu haben. Dies gilt es mithilfe der erhobenen Daten zu ändern.
Block II: "Nothing about us without us"
Block II stellte unter dem Motto „Nothing about us without us" die Beteiligung von Community in der Forschung in den Mittelpunkt. Einleitend wurde ein Video aus dem Charité-Projekt Looking 4 Cure, entstanden mit familia+migra und dem Mobilen Aufklärungstheater, gezeigt. Melike Yildiz (Familia+Migra) plädierte für community-geleitete Forschung und dafür, Mittel direkt in Community-Strukturen zu geben, denn oft wirke Praxis mehr als Forschung.
Anknüpfend an Laila Pragers Keynote beschrieb Tomer Einav (Charité) als Co-Moderator dann auch Partizipation als Spektrum: von Unterstützung bei der Rekrutierung bis zu gemeinsamer Entscheidung über Forschungsfragen. Anschließend beleuchtete Ferenc Bagyinszky (AIDS Action Europe) diejenigen Anteile der Global Aids Strategy, die oft in den Hintergrund rücken: den Abbau von Stigmatisierung und das fehlende Monitoring der „Community Leadership in the HIV response“; dieses müsse wieder ausgebaut werden.
Madi Awadalla (Decolonising Sexual Health) ging danach aufbauend auf einer historischen Herleitung der Frage nach, wer in Forschung und Versorgung mit einbezogen wird – und wer nicht. Uwe Koppe (RKI) stellte die TASG-Studie vor, die gemeinsam mit Vertreter*innen aus trans* und nichtbinären Communities entwickelt wurde und betonte dabei die Relevanz einer partizipativen Studienentwicklung und -durchführung und den damit einhergehenden Erfolg derartiger Studienkonzepte.
Mabwab Clement Matweta (Caritas SkF Essen) berichtete unter dem Motto „Mitforschen – Mitlernen“ von seiner Erfahrung der Community-Beteiligung bei der MiSSA-Studie zu HIV, Hepatitiden und STIs bei Personen aus Subsahara-Afrika. Aus der Studie gingen mehrere wichtige Projekte hervor und Matweta schloss mit dem Fazit, dass die Community selbst wichtige Partnerin der Prävention und Expertin für sich selbst ist.
Block III: Zugang, Prävention und Testung
Block III widmete sich dem Zugang und der Prävention für vulnerable Gruppen sowie Teststrategien in der Versorgung. Christoph Hartl (Charité) stellte zunächst aktuelle Daten zur Akzeptanz von DoxyPEP als STI-Prophylaxe aus einer Fragebogenuntersuchung vor: Etwa die Hälfte der befragten Ärzt*innen hatten DoxyPEP bereits verordnet, fast die Hälfte der Nutzenden gaben an, diese schon eingenommen zu haben. Wegen der Sorge vor Antibiotikaresistenzen gilt es nun zu klären, für wen sie tatsächlich sinnvoll ist und wie sie gezielter eingesetzt werden kann.
Nils Merten (Checkpoint BLN) präsentierte den European Sexworkers Survey über den Zugang zu sexueller Gesundheit und PrEP bei transnational mobilen Gruppen, am Beispiel von Sexarbeitenden. Das Team setzt sich zusammen aus Personen der Europäischen Sexarbeiter Alliance (ESWA), Checkpoints (Barcelona, Berlin, Mailand, Zürich), dem GGD in Amsterdam, The Love Tank aus London, sowie Wissenschaftler*innen der Uni Zürich und Antwerpen. Dabei sind die zentrale Fragen: Welchen Zugang haben Sexarbeitende zu PrEP, PEP, STI-Testung und anderen Angeboten der sexuellen Gesundheit, insbesondere wenn die Hürden in den verschiedenen Ländern unterschiedlich ausgeprägt sind? Und welche Mobilitätsmuster hat diese heterogene Gruppe? Um tiefer in die Einzelerfahrungen einzutauchen, ist für 2027 eine qualitative Studie geplant, die bisher leider noch nicht vollständig finanziert ist.
Anschließend stellte Kira Hülsdünker eine Studie zur universellen HIV-Testung in der Notaufnahme des St. Joseph Krankenhauses („Faster on the Track") vor. Die Grundidee liegt darin, dass Menschen mit einer nicht diagnostizierten HIV-Infektion im Verlauf gelegentliche Kontakte mit dem Gesundheitssystem (Hausärzt*innen, Notaufnahmen etc.) haben, entsprechende klinische Hinweise mitbringen und ihnen dennoch kein Angebot für einen HIV-Test gemacht wird. Es besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit (Vortestwahrscheinlichkeit) für einen positiven HIV-Test, wenn in Notaufnahmen jede Person in einer definierten Altersgruppe ein HIV-Testangebot erhält bzw. HIV-Tests durchgeführt werden. Die vorgestellte Untersuchung konnte zeigen, dass die Akzeptanz für die kombinierte Testung (HIV, Hepatitis B + C) bei über 90 % lag. Dennoch konnten bei positivem Testergebnis - meist aufgrund von Wohnungslosigkeit und fehlender Krankenversicherung - nur 15 % (Hep C) bzw. 50 % (HIV) medizinisch angebunden, ambulant weiterversorgt und entsprechend behandelt werden. Hier zeigt sich eine erhebliche Versorgungslücke, die eine test-and-treat Strategie erheblich schwächt und nahezu ad absurdum führt.
Abschließend stellte Astrid Leicht ein Pilotprojekt zur niedrigschwelligen Tuberkulose-Testung mit GeneXpert an Fixpunkt-Standorten vor. Die ersten vorsichtigen Tuberkulosetestangebote für Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, konnten in einem vertraulichen Setting durchgeführt werden. Dadurch könnte mit relativ kleinem Aufwand ein erheblicher Effekt erzielt werden - für die Personen selbst, aber auch für der Umgebung und nicht zuletzt das Gesundheitsamt.
Zum Ausklang des Fachtages wurde das zehnjährige Jubiläum der Fast-Track City Initiative in Berlin mit einem Get-Together gefeiert, musikalisch begleitet von DJ Erik Leuthäuser.Der erste Tag wurde aufgezeichnet und in Youtube eingestellt.
Tag 2: Fast-Track Cities im Austausch
Der Samstag stellte die FTC-Städte selbst in den Mittelpunkt. Nach einem kleinen Frühstück und der Begrüßung durch die Koordinierungsstelle des Berliner Netzwerks berichteten Fast-Track Cities aus Deutschland und Österreich von ihren jeweiligen Netzwerken, Projekten, Erfolgen und Herausforderungen. Im Anschluss diskutierte die Runde, ob und wie ein städteübergreifendes Netzwerk deutschsprachiger Fast-Track Cities und ein regelmäßiger Austausch dauerhaft etabliert werden könnte.
Den Abschluss bildeten zwei parallele Workshops in Kleingruppen: einer zu Prävention, Testung und Versorgung im Praxisalltag, der andere zu integrierten Strategien für HIV, STI, Hepatitis und Tuberkulose. Es wurde viel miteinander diskutiert, gemeinsam nach Antworten auf gemeinsame Fragen gesucht und viel voneinander gelernt. Dabei zeigte sich ein großer Wille zur weiteren Vernetzung und der Nutzung von Synergien.
Schließlich wurde der Summit mit einem gemeinsamen Mittagessen und letzten Austausch abgeschlossen.
Als nächster möglicher Vernetzungstermin zwischen Fast-Track City Initiativen wird der Deutsch-Österreichische AIDS-Kongress (DÖAK) im März 2027 im KOSMOS Berlin unter dem Motto „Vernetzen. Erforschen. Gestalten. Heilen." stattfinden.
Der erste Summit-Tag zum Nachschauen
Ein großer Dank geht an alle, die da waren, gesprochen haben und diesen Summit möglich gemacht haben.
Wir stehen zusammen und machen weiter!
Begleitend zum Summit ist unsere Social-Media-Kampagne gestartet. Menschen mit und ohne HIV erzählen in Interviews, wie sie HIV-bezogenes Stigma erleben.